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  Vätternrundan
 
Vätternrundan  2009
 
Der schwedische Radmarathon lief in diesem Jahr in 2 Schritten ab. Mit drei Fahrern ging es schon eine Woche vor dem großen Fahrradtest über die halbe Distanz von 150 Kilometern.
Die Halbvättern braucht sich vor dem Niveau der großen Vättern nicht zu verstecken.
Der eigentliche Höhepunkt der Fahrt ist bereits nach gut 30 Kilometern erreicht.
An diesem Punkt geht es die große Steigung zum Omberg hinauf.
Sehr viele Zuschauer feuerten die Fahrer an. Wer dann oben angekommen war, wurde mit den herrlichsten Blicken über den Vätternsee belohnt, der immer wieder in das Blickfeld der Radler geriet. Insgesamt gesehen ist die Halbvättern ein anspruchsvolles, angenehmes und sportliches Rennen.
Gegenüber der großen Vättern hat sie den großen Vorteil, dass 150 Kilometer eigentlich recht zügig zu Ende gehen.
Die Versorgung nach dem Rennen war ausgezeichnet.
 
Nach ein paar Tagen Erholung im TIVEDEN Nationalpark fand dann am Donnerstag das große Zusammentreffen mit der Nachhut auf dem Sportplatz Mossen in Motala statt. Es gab sehr viel zu erzählen und es schloss sich ein zünftiger Grillabend an.
Aus Old Germany bekamen wir zu diesem Zeitpunkt schon die übelsten Wettermeldungen.
In Motala war zu diesem Zeitpunkt der Himmel klar und die Luft war rein.
 
Über Nacht setzte dann der große Regen ein. Dieser sollte dann mit konstanter Boshaftigkeit über dreißig Stunden mit nur sehr kurzen Unterbrechungen anhalten.
Es war ein grausamer Tag, den wir mit viel Optimismus meisterten.
 
Bei sehr klammen Temperaturen standen wir dann nachts um 02.00 Uhr auf, um uns für den Start um 03.28 zu präparieren. Das lief auch alles noch einigermaßen glatt ab. Laut Statistik des Veranstalters muss für viele Starter diese Phase schon so abschreckend gewesen sein, dass von den knapp 19.000 gemeldeten Teilnehmern etwa 3.500 überhaupt nicht an den Start gegangen sind. In den Vorjahren fehlten so immer an die 1000 Starter.
Ein Bekannter aus dem Münsterland erzählte mir, dass Ehefrauen von Deutschland aus ihren Männern den Start untersagten. Solche Entscheidungen haben dann die Moral der übrigen Fahrer in dieser Gruppe extrem negativ beeinflusst.
An den Start gingen dann etwa 15.500 Fahrer, von denen dann im Laufe der Tour noch einmal gut 1000 Leute das Handtuch warfen. In Anbetracht dieser Zahlen gehört die Vätternrundan 2009 neben 2004 und 1993 wohl zu den härtesten Veranstaltungen.
 
Unsere Sechsergruppe mit Heinrich, Dirk, Sven, Horst, Harald und mich ließ sich nicht wirklich beirren. Natürlich kamen wir an den Wetterspekulationen auch nicht vorbei, aber wir hatten ein Ziel, und das hieß, rum um den See.
Für Harald war es der 14. Start. Er hatte noch nie aufgegeben. Auch für uns standen derartige Überlegungen nicht wirklich im Vordergrund.
 
Bis zum 1. Depot verlief die Fahrt relativ normal. Dann aber setzte wieder der kalte Regen ein. In wenigen Minuten waren wir kladdernass. Die Motivation, unter solchen Bedingungen noch 260 Kilometer weiter zu fahren, ließ ernorm nach.
Im 2. Depot Gränna nach 80 Kilometern fragten wir uns, was wir hier eigentlich noch machen. Aber oben auf dem kalten Berg südlich von Gränna konnten wir nicht bleiben und führen deshalb weiter. Die dann folgenden längeren Abfahrten in die Täler sorgten auch für keine druchgreifende Erwärmung unserer Körper.
Allerdings wurde das Wetter nun zögerlich besser, aber bei unserer Ankunft in Jönköbing froren wir jämmerlich. Auf den Fotos in der Galerie erkennt man die deutlich vom Wetter gezeichneten Gesichter. Die Klamotten waren voller Strassendreck.
Die große Halle bot uns zumindest ein wenig Schutz. Das warme Essen tat gut und die Stimmung verbesserte sich sehr langsam.
Es wurde der Beschluss gefasst, mit eigenen Kräften und mit einem gemäßigten Tempo weiterzufahren. Als wir dann los wollten, war Harald weg.
Unsere Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Bis auf den Spruch aus vielen Mündern
„Harald, du wirst 100 Jahre alt“ war hier nichts zu machen. Später stellte sich heraus, dass sich Harald auf dem Dixi Klo mit seinen ganzen Klamotten verheddert hatte.
Solche Leute, wie Harald, gehen aber nicht verloren. Bei einer kollektiven Pinkelpause schloss er wieder zu uns auf. Heinrich hatte sich in Jonköbing wegen beginnender Unterkühlung abgemeldet, so dass wir nun zu fünft weiterfuhren.
 
Die Strassen wurden nun trockener und der Radsport in seiner Urform bekam wieder einen Sinn. Der Lustfaktor steigerte sich und so fuhren wir von einem Depot zum anderen. Eine Reifenpanne von Dirk kurz vor Hjö offenbarte allerdings noch einmal, dass die Nerven immer noch blank lagen. Es war nicht möglich, trotz strammer Hilfe, dass Pannenschutzband einzulegen; eine Sache, die zu Hause unter Friedens-bedingungen nur 2 Minuten gedauert hätte.
 
Wahrend dieser Reparatur fuhr Gerd mit einer insgesamt starken Leistung an uns vorbei, ohne uns zu sehen. Wir sollten ihn immer wieder in den Depots antreffen.
Sein geiler blauer Regenanzug aus der Pfundgrube machte ihn immer von weitem sichtbar. Der Anzug sollte wegen der hohen Belastungen und seiner „guten“ Verarbeitung die fahrt nicht überleben.
Unter Beachtung der Tatsache, dass Gerd erst im Hebst 2008 Mitglied in unserem Radteam wurde, hat er eine außergewöhnliche und anerkennenswerte Leistung erbracht, die wir in diesem Bericht besonders und sofort würdigen wollen.
 
In Hjö gab es warmes Essen und Kaffee. Erstaunt waren wir über die „brillianten“ geographischen Kenntnisse zweier Sportskollegen aus Hamburg.
Das mit der Insel Rügen, Sassnitz und Trelleborg hatten die noch nicht so richtig drauf. Wir haben gerne Nachhilfeunterricht gegeben. Aber so fast 20 Jahre nach der Wende war das schon ein wenig komisch.
 
Die Fahrt nach Karlsborg verlief reibungslos. Wir hatten eine eigene Gruppe gebildet, die durch auffahrende Trittbrettfahrer und Windlutscher immer großer wurde.
Es gelang uns aber mit der Anwendung des internationalen Codes diese Leute in die Führungsarbeit einzubinden. Das klappte gut und schnell waren wir in Karlsborg,
der Ersatzhauptstadt Schwedens, angekommen.
Die Reduzierung der Anzahl der Urinale im Depot und unsere Abneigung gegen Dixi Klos veranlasste uns, hinter dem Götakanal eine Pi … pause einzulegen.
Nach dem Motto, jedem seine Birke, war diese Art der körperlichen Entlastung die eher angenehmere.
 
Den Tiveden Nationalpark durchfuhren wir schon unter relativ normalen Bedingungen. Es wurde zunehmend wärmer und wir gewannen wieder den Blick für die Naturschönheiten in dieser Region. Die Jungs von den Zeugen Jehova konnten wieder nicht überzeugen, aber gaben uns zumindest ihren Segen für eine heile Ankunft in Motala mit auf den Weg.
 
An der Hammersundbrücke blies der Wind seit Jahren erstmalig von hinten. Eine Fotostopp auf der Brücke wurde eingelegt, auch ein Novum dieser Fahrt. Im Depot Hammersundet traffen wir dann auf Achim mit seiner Ladygroup. Als Teamchef dieser Gruppe sollte er seine Fuhre heil bis nach Motala bringen.
In Richtung MEDEVI ging es dann über die 7 Berge, die sich aber in diesem Jahr durch den Rückenwind als unproblematisch darstellten.
Im letzten Depot gab es dann noch einmal Honigbrötchen und den eher unwichtigen Beschluss, ruhig so „pö a pö“ nach Motala zu fahren. Das hätten wir uns eigentlich klemmen können.
Meine Botschaft, einfach nur mal Rad zu fahren, erreichte die anderen nicht und mich persönlich dann auch nicht. Es wurde noch einmal eine kleine Hatz, die dazu führte, dass wir noch vor 18.00 Uhr in Motala ankamen.
 
Gemeinsam führen wir fünf über den Zielstrich. Das Gefühl, eine außergewöhnliche Leistung und den Kampf gegen uns selbst gewonnen zu haben, überkam uns.
Viele der Zuschauer konnten erahnen, was wir hinter uns hatten.
 
Zweifel an einer erneuten Teilnahme an der Vätternrundan überkamen uns trotz der Strapazen nicht.
 
Es ist und bleibt die weltgrößte Radsportveranstaltung, auf der die Teilnehmer zusammen weit über 5 Millionen Kilometer an einem Tag fahren.
Diese Kilometer ergeben eine Strecke von gut 120 mal um den Planeten Erde.
Dazu die perfekte Organisation, die schöne schwedische Landschaft und die Ruhe und Gelassenheit der Schweden selbst, das alles ist eine Reise an den Vätternsee immer wieder wert.  
 
Verteller: Herbert Trilk